Die einstige deutsche Kolonie in Zarev Brod bei Schumen

 

Veit Sorge

 

(publiziert in:

Kersten, Sandra/Schenke, M. Frank (Hg.): Spiegelungen. Entwürfe zu Identität und Alterität. Festschrift für Elke Mehnert. Berlin: Franke & Timme, 2005. S.269ff. ...  Bildmaterial siehe bulgarische Variante)

 

Einleitung

 

Während ihrer Reise durch Bulgarien stießen um das Jahr 1930 etwa zehn sächsische Pfadfinder auf ein Dorf, das sie sehr bemerkenswert fanden und deshalb in ihren 1931 erschienenen Reisenotizen besonders ausführlich beschrieben: Endje oder Zarev Brod bei Schumen[1]. Der Grund dafür ist die in diesem Dorf befindliche, wohl einzige geschlossene Kolonie von Auslandsdeutschen zu jener Zeit in Bulgarien[2].

 

Zusammenhängende Veröffentlichungen zum Thema „Deutsche in Bulgarien“ waren bisher nicht aufzufinden, in den meisten Veröffentlichungen über die Auslandsdeutschen werden die bulgarischen Deutschen bis auf wenige Ausnahmen überhaupt nicht erwähnt. Das hat sicher seine Ursache darin, dass die deutschen Siedler in Bulgarien eine sekundäre Migration darstellen, denn sie sind nicht direkt aus Deutschland hierher umgesiedelt. Zudem war ihre Kolonie mit ca. 50 bis 70 Familien zahlenmäßig sehr gering und mit ca. 40-45 Jahren Dauer historisch relativ kurz. Der Versuch einer zusammenfassenden Darstellung wurde mit einem Schulprojekt einer Klasse 11 des Fremdsprachengymnasiums „Joan Ekzarh“ im Jahre 2003 in Form einer Dokumentationsmappe[3] und eines Dokumentarfilms unternommen, wobei zwei Kapitel aus Chroniken/Büchern, drei Stunden Zeitzeugeninterviews und Außenaufnahmen auf Videoband, drei Stunden Aufnahmen auf Audiokassetten, 34 Archivdokumente, ca. 50 historische Fotos und 20 eigene Fotos vom Dorf und seinem Friedhof auszuwerten waren.

 

Hier soll nun ein Überblick über die Ergebnisse erfolgen: Die Darstellung geht dabei den Fragen nach, wann und warum Deutsche nach Bulgarien gekommen sind, woher sie kamen, wie sie ihre Leben in Bulgarien eingerichtet haben, wie ihr privater, ihr religiöser Alltag und ihre Wirtschaft aussahen, wie sie mit anderen Nationalitäten zusammengelebt haben, wie die Kolonie der Deutschen ihr Ende gefunden hat und was heute noch an den Orten ihres früheren Lebens zu finden ist.

 

 

Die Herkunft der Deutschen und die Anfänge der Siedlung in Zarev Brod

 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sich einige deutsche Familien in Bulgarien an. Nach Trifon Panajotov[4] (S. 36) sind die ersten deutschen Siedler aus dem Dorf Valilej in Rumänien nach Bulgarien gekommen: Ihr erster Weg führte sie zunächst ins bulgarische Dorf Gostilija (b. Orjachovo/Donau), wo sie aber kein Land kaufen konnten.  Nachdem sie erfuhren, dass aus Endje (seit 1937 Zarev Brod) Türken emigrieren und ihr Land sehr billig verkauften, wechselten sie den Ort ihrer Niederlassung. Hier in Endje hat Panajotov zufolge der deutsche Priester Franz Krings im Jahre 1899 die erste Taufe eines deutschen Kindes durchgeführt[5].

 

Die Einwanderung der Deutschen selbst ist bisher noch nicht dokumentarische nachgewiesen. Der Ortschronist Panajotov sowie Schwester Stanislava im Herz-Jesu-Kloster zu Zarev Brod vertreten die Auffassung, der bulgarische König Ferdinand habe die Deutschen aus Österreich-Ungarn (Banat) Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts selbst nach Bulgarien eingeladen und ihnen 3 ha Acker sowie 2000 qm Hof versprochen[6]. Petar Hummel, eine in Schumen lebender Nachkomme Deutscher aus Zarev Brod, konnte beim Interview den Zeitpunkt und die genauen Gründe und Bedingungen für die Wanderung seiner Vorfahren nicht nennen; bekannt ist aber, dass sein aus Russland eingewanderter Großvater um 1900 hier Land gekauft hat, weil es sich um fruchtbare Erde gehandelt habe.[7]

 

Die deutschen Einwanderer stammen aus drei Ländern: aus Russland, aus Rumänien und aus Österreich-Ungarn. Am deutlichsten belegen dies die auf dem Friedhof von Zarev Brod befindlichen Grabsteine mit den angegebenen Geburtsorten der Verstorbenen die Herkunft einiger Deutscher. Danach stammen die aus Russland Eingewanderten aus dem Schwarzmeergebiet um Odessa: Die Herkunft der Familie Hummel lässt sich anhand des Grabsteines von Franz Josef Hummel (1866 - 1938) mit dem Geburtsort „Karlsruhe (Russland)“ nachweisen, ein weiterer Grabstein von Adam Nikol(ai) verweist auf den Ort Halbstadt im Odessaer Gebiet. Aus Ungarn stammt die Familie Hiller: der Grabstein von Rosalia Hiller nennt den Geburtsort Fegyvernek in Ungarn. Nach Panajotov siedeln auch Deutsche aus dem Banat nach Zarev Brod: aus Vojteg, Margit Falva, Katerin Falva und Novi Sad. Die bereits erwähnten Deutschen aus Valilej/Rumänien hatten ursprünglich in Russland gelebt.

 

Die Wanderungsbewegungen der Deutschen in Südosteuropa im 19. Jh. hängen offensichtlich mit der Politik und der Wirtschaft der Großmächte zusammen, vor allem mit der Zurückdrängung des osmanischen Machtbereiches zugunsten des Einflusses Österreich-Ungarns und Russlands auf dem Balkan. Die Ursache für die Emigration der Deutschen aus Russland, Rumänien und Ungarn liegt in der Verschlechterung ihrer Situation dort: der allmähliche Verlust der Privilegien in Russland[8], die zunehmende „Magyarisierung“ in Ungarn[9] sowie Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung in Rumänien[10]. So siedelten noch vor dem Ersten Weltkrieg Deutsche massenhaft, d. h. ca. 300 000 Menschen, von Russland nach Süd- und Nordamerika über[11], wo sie teils Orte mit den Namen ihrer Heimatdörfer in Russland gründeten – mit den Namen der Heimatstädte ihrer fernen Vorfahren aus Deutschland: Karlsruhe, Halbstadt usw. Hier könnte die Hypothese aufgestellt werden, dass die nach Endje gesiedelten Deutschen möglicherweise nicht begütert genug oder nicht zureichend gesund waren, dass sie den Ozean hätten überqueren können. Die genauen Gründe für die Ansiedlung der Deutschen in Endje und die eventuell garantierten Privilegien durch König Ferdinand sind bislang dokumentarisch nachgewiesen.

 

 

Leben und Alltag der Deutschen in Endje/Zarev Brod

 

Die in Endje lebenden Deutschen waren bulgarische Staatsbürger. Im Konzept zu einem Brief an das bulgarische Bildungsministerium schreibt eine deutsche Lehrerin und Ordensschwester im Jahre 1922:

 

Das Dorf Endje wird von etwa 50 deutschsprechenden kath. Familien bewohnt, die bulgarische Staatsang. sind. (Archivdokument: fond355k/opis1/arch. ed4)[12]

 

Die Tatsache, dass außer den Deutschen in Endje auch noch andere Nationalitäten siedeln, u. a. in den bereits erwähnten Reisenotizen der sächsischen Pfadfinder dokumentiert:

 

Endje ist sicher das merkwürdigste Dorf in ganz Bulgarien. Außer den etwa 50 deutschen Familien wohnen da noch Bulgaren, Tataren, Türken, Russen, Ungarn, Mazedonier, Albanesen und Armenier. Endje kann ich vielleicht ein ‚internationales’ Dorf nennen. Und trotz dieser Vielfalt von Rassen ist es eine friedliche Gemeinde.[13]

 

Die Angaben der Nationalitäten schwanken in der Literatur zwischen 9 und 13.

 

In den ersten Jahren nach ihrer Ansiedlung kauften die Deutschen Häuser von den Türken und Tataren, die in jener Zeit das Gebiet verließen. Später bauten sie ihr eigenes Viertel in der Nähe des katholischen Klosters[14]. Die deutschen Pfadfinder schreiben:

 

Aus dem endlosen Grün leuchten weißgetünchte Häuser vor uns auf, schöne große Bauernhäuser mit Giebeldächern, die wir in Bulgarien auf dem Lande so selten fanden. Wir wissen: hier haben Deutsche gebaut![15]

 

Die Einwohner Zarev Brods heben auch heute die solide Bauweise der deutschen Häuser hervor.

 

In den verschiedenen Quellen wird der Alltag der Deutschen beschrieben, wobei immer die strenge Disziplin und die Erhaltung der deutschen Lebensweise Erwähnung finden. Als spezifisch für die Deutschen werden benannt:

 

-         die Reinheit der Kleidung: man trägt weiße Hemden, gestärkt, gebügelt mit besonders sorgfältig bearbeiteten Kragen. Die Stärke stellten die Deutschen aus Kartoffeln her – an den so gestärkten Textilien, Tischdecken, Spitzen und Vorhängen haftete kein Staub[16];

 

-         Federbetten: die Daunen wurden von lebenden Enten gerupft; mit derartigen Bettdecken schliefen die Deutschen auch im Winter ohne beheizten Ofen[17];

 

-         die Nahrung: die Nahrung bestand vor allem aus Teigwaren und Fleischprodukten und wurde in einem großen Topf auf der Mitte des Tisches serviert, damit sich jeder nehmen konnte soviel er wollte[18];

 

-         das Bewahren der Tradition, nach der der Sonntag ein arbeitsfreier Tag zu sein hat: die Vorbereitungen für den Sonntag begannen jeweils am Samstagnachmittag nach Beendigung der Feldarbeit[19].

 

Zu den Feiertagen der Deutschen wurden immer auch Vertreter der anderen Nationalitäten eingeladen, wobei es manchmal auch zu Streitereien kommen konnte – durch Konkurrenz um die Mädchen oder nach dem Genuss größerer Mengen Alkohol. Ein besondere Bedeutung hatte der „Jungfernabend“, das Beisammensein der jungen Leute am Vorabend einer deutschen Hochzeit.

 

 

Das Wirtschaftsleben

 

Überwiegend waren die Deutschen in Endje mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigt. Mancher brachte es mit der Zeit auch zu einem größeren Reichtum, Panajotov erwähnt in diesem Zusammenhang die Brüder Hummel. Ein Teil der Deutschen arbeitete als Knechte in den Gehöften, andere pflegten ein bescheidenes Handwerk, einige blieben arm[20]. Huffzky erwähnt in den Reisenotizen der Pfadfinder die „einzige Zuckerfabrik Bulgariens“ und beschreibt, dass „die modernsten Maschinen ... auf den nebenliegenden Feldern“ laufen[21].

 

Das katholische Kloster wirtschaftet für den eigenen Unterhalt, nach dem Statut des Klosters 1936 finanziert man sich aus der klösterlichen Landwirtschaft, aus den Gebühren der deutschen katholischen Grundschule und aus Spenden.[22] Der Grundbesitz des Klosters umfasste 60 ha, die von Knechten und von im Kloster beherbergten Waisenkindern bearbeitet wurden[23].

 

 

Das katholische Herz-Jesu-Kloster in Endje/Zarev Brod

 

Noch vor dem Jahre 1900 kommt der rheinische Passionist Pater Franz Krings nach Endje, um eine Kirche als Zentrum der gerade entstandenen deutschen Kolonie zu stiften. Im Jahre 1910 ist die Kirche vollendet und wird eingeweiht. Auf Initiative des Paters Krings beantragt der katholische Bischof von Rustschuk/Russe, Leonhardt von Baumbach, im Jahre 1913 die Entsendung von Benediktinerschwestern zur Sicherung einer deutschen Schulbildung für die deutschen Kinder[24]. Im Jahre 1914 treffen vier Schwestern vom Missionsbenediktinerorden Tutzing in Endje ein: eine Lehrerin, eine Landwirtin, eine Krankenschwester und eine Näherin[25], während des Ersten Weltkrieges kommen noch drei Schwestern zur Verstärkung hinzu. Die Benediktinerinnen haben nicht das Missionieren in Bulgarien zum Ziel, ihre Mission ist die Unterstützung des kulturellen und geistigen Lebens der deutschen Siedler. Noch im Jahre 1914 eröffnen sie die private katholische deutsche Grundschule „St. Josef“. Von Anfang an sorgen sich die Klosterschwestern auch um Waisenkinder, die ersten sind Kriegswaisen aus dem Balkankrieg 1913-16[26].

 

Im Ergebnis des Ersten Weltkrieges werden die Schwestern im Jahre 1918 gezwungen das Land zu verlassen, unter großen Schwierigkeiten en sie im Jahre 1920 zurück nach Endje.

 

1928 entsteht auf Initiative der Benediktinerinnen ein Kulturhaus im Dorf; im Oktober des Jahres 1935 wird der katholische Jugendverein „St. Michael“ ins Leben gerufen, der sich das Ziel setzt Vorträge zu organisieren und die kulturelle und moralische Entwicklung seiner Mitglieder zu fördern[27], das Gründungsdokument ist auch von zwei Mitgliedern der Familie Hummel unterzeichnet. Im Oktober 1936 genehmigt das bulgarische Ministerium für Innere Angelegenheiten und Gesundheit die Registrierung des Klosters religiöse Gemeinschaft und als juristische Person[28].

 

Schlussfolgernd lässt sich feststellen, dass die Religion und die religiösen Feiertage als wesentliches Element gelten können für den Zusammenhalt der Deutschen im Dorf als ethnische Gemeinschaft, für die kulturelle Identität und für die Abgrenzung gegenüber den anderen ethnischen und religiösen Gruppen. Dabei war Toleranz im Zusammenleben mit den anderen Ethnien üblich: im Gespräch betonte Familie Hummel, dass ihnen beispielsweise die Türken bei ihrem Bayram-Feiertag Baklava, also türkische Süßspeisen brachten[29].

 

 

Die Schule

 

Die ursprünglich von den Nonnen ins Leben gerufene Schule existierte nur bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, also bis 1918. Bei ihrer Rückkehr im Jahre 1920 finden die Schwestern statt der deutschen eine bulgarische staatliche Schule in Endje vor. Sie engagieren sich verstärkt für die Wiedereröffnung der deutschen Schule und schreiben zu Beginn des Jahres 1922 an das bulgarische Bildungsministerium::

 

Die gehorsamst Unterzeichnete erlaubt sich dem hohen Ministerium folgendes Bittgesuch zu unterbreiten:

 

Im Dorfe Endje b/Schumla befinden sich ca. 50 deutsch sprechende katholische Familien. Vom Januar 1914 bis Ende Oktober 1918 bestand dortselbst eine katholische Privatschule, geleitet von kath. Ordensfrauen. Ende 1918  waren die Schwestern genötigt ihren Posten zu verlassen und konnten erst im Mai 1920 wieder nach Bulgarien zurückkehren. Während ihrer Abwesenheit entstand im .. eine bulgarische Volksschule.

 

Da nun aber von den 72 schulpflichtigen Kindern ... (katho)lischer Konfession sind, gestatten wir uns das hohe Ministerium zu ersuchen, uns eine katholisch-deutsche Privatschule gütigst zu genehmigen.

 

Die Schüle würde alsdann von katholischen Ordensschwestern geführt werden und bitten wir die Lehrerin Viktoria Herz, deren Zeugnis wir uns beizufügen erlauben, als Lehrerin der Schule bevollmächtigen zu wollen.

 

Für den Unterricht in bulgarische Sprache, Gesch(ichte ...) Geographie werden wir eine bulgarische Lehrerin (an)stellen, da die Kinder durchwegs Kinder bulgarischer (Unter)tanen sind.[30]

 

Besonders bemerkenswert erscheint der Wunsch einer Ordensschwester, die bulgarische Staatsbürgerschaft wegen der im folgenden Brief genannten Gründe anzunehmen. Der Brief ist ohne Datum, dem Kontext nach muss er 1922 geschrieben sein. Der Inhalt des in Frakturschrift geschriebenen Briefes spricht für sich selbst:

 

Die Unterzeichnete ...  (auch die weltlichen Namen genau angeben), geboren am ... zu ... befindet sich seit ... als Ordensschwester im Kloster zu Endje  in Bulgarien, wo sie als Lehrerin tätig ist. ...

 

Von großem Vorteil für mich und die Schule wäre es wenn ich die bulgarische Staatsangehörigkeit erwerben könnte, da ich dann einerseits Anspruch auf Gehalt und Pension vom bulg. Staat erlangen würde, andererseits die Schule selbst leichter vom Staat anerkannt werden würde.

 

Die deutsche Gesandtschaft bitte ich ... bei meiner Heimats(behörde) dahin wirken zu wollen, dass mir die Genehmigung zur Beibehaltung der deutschen Reichsangehörigkeit erteilt wird.[31]

 

Es ist nicht bekannt, ob sie die bulgarische Staatsbürgerschaft erhalten hat, die Wahrscheinlich dafür besteht jedoch auf Grund dessen, dass nach 1944 noch deutsche Schwestern im Kloster verbleiben.

 

Die Bemühungen der Schwestern um die Schule sind erfolgreich: Im November 1922 erhält der Bürgermeister von Endje die Genehmigung zur Wiedereröffnung der deutschen katholischen Grundschule von der Schulbehörde des Bezirkes Schumen[32].

 

Im Jahre 1932 wird die Grundschule um eine progymnasiale Abteilung ergänzt[33].

 

Die deutsche Schule wird nicht nur von deutschen, sondern auch von einer kleinen Anzahl bulgarischer und armenischer Schüler besucht. Unter diesen sind auch Josif und Maria Kovatschevi, die noch heute in Zarev Brod leben. Nach einem Revisionsdokument vom 24.03.1938[34] lernen:

 

In der ersten Abteilung 23 Kinder – 22 Deutsche, 1 Bulgare; in der zweiten Abteilung 9 Kinder – 7 Deutsche, 2 Bulgaren; in der dritten Abteilung 10 Kinder – 7 Deutsche, 3 Bulgaren; in der vierten Abteilung 15 Kinder – 14 Deutsche, 1 Bulgare; insgesamt 50 Deutsche und 7 Bulgaren.

 

Den interviewten Familien Kovatschevi und Hummel zufolge herrschten in der Schule strenge Disziplin und Ordnung. Für alle Kinder in der Schule wurde die deutsche Sprache zum Kommunikationsmittel, so dass die einstigen bulgarischen Waisenkinder Josif und Maria Kovatschevi auch heute noch in hohem Alter[35] ein dem muttersprachlichen sehr nahes Deutsch beherrschen.

 

Das Zusammenleben mit den anderen Nationalitäten

Die Kontakte der Deutschen zu den anderen Nationalitäten im Ort haben im Laufe der Jahre zu einigen gemischten Ehen geführt[36], so zum Beispiel bei drei Brüdern aus der Familie Hummel.

Ein anderes interessantes Zeugnis für das Zusammenleben der Nationalitäten im multiethnischen Dorf Zarev Brod stellt der Friedhof dar: dieser Friedhof ist in drei Bereiche geteilt – einen orthodoxen, einen moslemischen, einen katholischen. Die Verstorbenen der verschiedenen Nationalitäten wurden so auf einem gemeinsamen Friedhof beigesetzt. Außerdem geben die Grabsteine des Friedhofes Aufschluss über die Herkunftsorte, in denen die dort beerdigten Deutschen geboren worden sind.

 

 

Das Ende der deutschen Kolonie in Zarev Brod

Nach T. Panajotov hat die deutsche Kolonie in Zarev Brod zu Beginn der 40er Jahre aus 74 Familien bestanden[37] (Huffzky nennt um 1930 noch eine Zahl von etwa 50 Familien). Zu Beginn der 40er Jahre setzt die vom Hitlerregime eingeleitete Umsiedlung der Volksdeutschen „heim ins Reich“ dem Bestand der Kolonie ein Ende[38]. Die Statistik des Reichskommissars für die Festigung des deutschen Volkstums führt die folgenden Zahlen für Umsiedler aus Bulgarien zum 01. Juli 1942 an[39]:

 

Umsiedler gesamt                                                            834[40]

 

davon nach Alter:

 

0-14 Jahre                                                                          326

 

14-65 Jahre                                                                        498

 

über 65 Jahre                                                                     10

 

nach Arbeitskraft:

 

Arbeitende gesamt                                                               398

in der Land-/Forstwirtschaf                             t                    246       - 61,8%

 

Industrie und Handwerk                                                       102       - 25,6%

 

Handel und Verkehr                                                               10        - 2,5%

 

Dienstleistung                                                                         12        - 3,0%

 

Hausdienste                                                                            28        - 7,1%

 

 

Es erscheint logisch, dass bei einer Gesamtzahl der bulgarischen Umsiedler von 834 im Verhältnis zu den für Zarev Brod angegebenen 74 Familien der größte Teil der Siedler wohl aus dem ehemaligen Endje stammt.

Ein zahlenmäßig unbedeutender Teil der Deutschen aus Zarev Brod lehnt es ab die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen und kehrt nach Bulgarien zurück, vor allem wegen der geschlossenen binationalen Ehen, so auch Nachkommen der großen und oft genannten Familie Hummel, von denen einige heute in Schumen leben.

Im Unterschied zu den deutschen Familien sind die Benediktinerschwestern erst kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen aus dem Dorf geflohen, Schwester Stanislava[41] berichtete, dass die das Kloster am 3. September 1944 verlassen haben. Die am 9. September einmarschierenden Sowjetsoldaten seien bereit gewesen das Kloster zu beschießen, nachdem sei aber keine Deutschen haben finden können, haben sie es verschont.

Die deutsche Schule stellte ihren Betrieb mit Ende des Schuljahres 1943/44 ein[42].

Eine[43] oder zwei[44] deutsche Schwestern sind auch nach dem Krieg in Zarev Brod verblieben[45] und arbeiteten weiter gemeinsam mit den unterdessen ins Kloster aufgenommenen bulgarischen Schwestern, unter ihnen auch Schwester Gertruda und ihre Nichte, Schwester Stanislava, die noch heute in diesem Kloster leben.

Der Landbesitz des Klosters wird nicht kollektiviert, doch Ende der 40er Jahre erleidet die klösterliche Landwirtschaft wegen der niedrigen Aufkaufpreise Bankrott, das Kloster ist gezwungen das Land billig zu verpachten[46].

Die Rettung für die Schwestern erfolgt im Jahre 1950 mit der Eröffnung des Krankenhauses[47] in Zarev Brod, in dem die Benediktinerinnen die Möglichkeit haben als Krankenschwestern zu arbeiten. Damit überlebt das Kloster auch die für die Vertreter der Religion schwierigen Zeiten des Sozialismus.

 

 

Die Lage heute

 

Heute leben im Herz-Jesu-Kloster von Zarev Brod elf, davon sechs bulgarische, zwei deutsche eine koreanische und zwei philippinische Benediktinerschwestern unter der Leitung der deutschen Oberin Quirina Seidel.

Die Häuser im Dorf verfallen langsam, den heutigen Bewohnern fehlen die Mittel für die notwendigen Renovierungen. Wie die Familien der ehemaligen deutschen Kolonie sind auch die meisten Erinnerungen, Dokumente und Gegenstände aus der Zeit der Deutschen in alle Winde verstreut. Die von uns gesammelten und analysierten Daten über diese kleine, sehr besondere und einzige ganzheitliche deutsche Kulturgemeinschaft in Bulgarien gleichen einem Mosaik, dessen Konturen zu erkennen sind, ein großer Teil der Steinchen fehlt jedoch noch, oder ihr Platz lässt sich noch nicht genau bestimmen.

Das Beispiel Endje/Zarev Brod führt deutlich vor Augen, inwieweit die Emigration, die Bildung und der Zerfall von kleinen ethnischen Gemeinschaften außerhalb ihres Ursprungslandes abhängig ist von der Politik der Großmächte, von Kriegen, von der Politik der Gastländer, von Naturkatastrophen. Gleichzeitig erbringt es den Beweis, dass verschiedene ethnische Gemeinschaften unter entsprechenden Bedingungen über viele Jahre tolerant und ruhig zusammen leben können ohne ihre Identität zu verlieren.

 

 

Literatur

 

Förster, H. et al.: Entwicklung der ethnischen Struktur des Banats 1890 –1992. Osteuropa-Institut München, 2000. www.lrz-muenchen.de/~oeihist/f_foerster.htm

 

Hertel, O.: Integration. In: Verein für russlanddeutsche Kultur und Volkskunde. Detmold, 2004. www.russlanddeutsche.de

 

Huffzky, H.: Wir durchstreifen Bulgarien. Zehn deutsche Pfadfinder auf abenteuerlicher Großfahrt. Dresden, 1931.

 

Miller, M. M.: Volk auf dem Weg. Die Russlanddeutschen in den Dakotas, USA. In: North Dakota State University: The Libraries. Germans from Russia Heritage Collection. 2004. www.lib.ndsu.nodak.edu/grhc/outreach/conventions_speeches/dakotager.html

 

Panajotov, Т.: Selo Carev Brod, Istoricheski ocherk. Shumen 1982.

 

Sorge, V. (Tutor) und Klasse 11W des Fremdsprachengymnasiums „Joan Ekzarh“, Varna: Weggehen – Ankommen. Was war, was ist, was wird bleiben? Die Deutschen in Zarev Brod bei Schumen in Bulgarien. Projekt zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Varna, 2003.

 

 

 

 

 

 

[1] Vgl. H. Huffzky: Wir durchstreifen Bulgarien.

 

[2] Jüngst wurde ich auf ein weiteres Dorf auf heutigem bulgarischen Territorium hingewiesen, in dem einst Deutsche lebten, Nemska Kalfa bei Dobritsch in der Süddobrudscha.

 

[3] Vgl. Sorge/ Klasse 11W des Fremdsprachengymnasiums „Joan Ekzarh“, Varna

 

[4] Panajotov 36

 

[5] ebenda

 

[6] vgl. Panajotov 37; Interview mit Schwester Stanislava 11.02.2003

 

[7] Gespräch mit Familie Hummel, Shumen, 10.02.2003

 

[8] vgl. Miller: Volk auf dem Weg. Die Russlanddeutschen in den Dakotas, USA.

 

[9] Vgl. Förster

 

[10] vgl. Panajotov 36

 

[11]  vgl. Hertel: Integration.

 

[12] ДА Шумен фонд 355к, опис 1, арх. ед. 4

 

[13] Huffzky 122

 

[14] ср. Панайотов 38

 

[15]  Huffzky 122

 

[16] ср. Панайотов 38

 

[17] ср. пак там и интервю със семейство Хумел, Шумен, 10.02.2003

 

[18] Панайотов 38

 

[19] Панайотов 39

 

[20]  ср. Панайотов 40

 

[21]  Huffzky 121, тук, можи би, има нужда от поправка: “през 1917 година в закупеното близо до град Шумен земеделско стопанство “Ендже”, Рудолф Пицка създава първата на Балканския полуостров опитна станция за производство на цвеклово семе. В нея през 1921 година е култивирано първото българско цвеклово семе за посев.” – от страница за “Захарни Заводи” АД , Горна Оряховица: www.einet.bg/~fedbread/Files/razni/zzavodi.htm

 

[22] ТД ДА Шумен, фонд 469, опис 1 арх. ед. 399

 

[23] ср. Панайотов. 40 и разговори със ср. Станислава и сем. Ковачеви

 

[24] ср. ТД ДА Шумен, фонд 469, оп. 1, арх. ед. 399

 

[25] ср. разговор с ср. Станислава, 11.02.2003

 

[26] Интервюираните от нас българи Йосиф и Мария Ковачеви са били деца-сираци в манастира през 20/30-те години.

 

[27] ТД ДА Ш ф 355, о 1, ае 24,4

 

[28] ТД ДА Ш ф 469, о 1, ае 399, 28.10.1936

 

[29] vgl. Aufzeichnung vom 10.02.2003, pers. Videoarchiv V. Sorge

 

[30] ТД ДА Ш ф 355, о 1, ае 4,2, ... февруари 1922 г. – очевидно е превод от немския вариант на писмото, датирано от 18 януари 1922 г.

 

[31] ТД ДА Ш ф 355, о 1, ае 4,2

 

[32] ср. ТД ДА Ш ф 355, о 1, ае 4,2

 

[33] ср. Панайотов 40

 

[34] ТД ДА Ш ф 355, о 1, ае 26

 

[35] през февруари 2003 Йосиф е на 87 години, Мария на 83

 

[36] vgl. Panajotov 43

 

[37] Huffzky nennt um 1930 noch eine Anzahl von etwa 50 Familien.

 

[38] “вкъщи в Райха”, т. е. назад в родината, в Райха

 

[39] Der Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums. Stabshauptamt: Die Umsiedlung. 1. Juli 1942. Федерален архив. Берлин. BA NS 19 / 2743, цит. по публикация в интернет: www.homepages.uni-tuebingen.de

 

[40] за сравнение: от Добруджа – 14 863, от Бесарабия 91 323 преселници

 

[41] разговор от 11.02.2003 г.

 

[42] ТД ДА Ш ф 354, о 1, ае 1

 

[43] Панайотов 43

 

[44] според ср. Станислава; на гробището в Ц. Б. има гробници на ср. Евариста Бухер () и ср. Буркарда Бец (1894 до не се чете), които според разказа на г-н Ичеренски (от Варна) след 1944 г. редовно са идвали от Ц. Б. в Шумен

 

[45] може би тя/те са имали българско гражданство

 

[46] разговор с ср. Станислава, 11.02.2003

 

[47] днес държавна психиатрична болница

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